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24.02.2007    Kornwestheimer Zeitung 

Silbe für Silbe in eine neue Welt

Im Alphabetisierungskursus lernen 13 türkische Frauen aus der Weststadt Lesen und Schreiben - Projekt bis Juli gesichert

Kornwestheim. Vor wenigen Wochen hat Güler Karaca zum ersten Mal in ihrem Leben eine Postkarte geschrieben. Dem Schulalter längst entwachsen, lernt sie zurzeit Lesen und Schreiben.

In dem kleinen Klassenzimmer der Eugen-Bolz-Schüle herrscht ein einziges Summen. Eifrig flüsternd prägen sich 13 Frauen die eben gelernten Worte ein und zerteilen sie in Silben. In Schönschrift malen sie Sätze in ihre Hefte und an die Tafel. „Disim agriyor - ich habe Zahnschmerzen." Wichtige Formulierungen für den Arzt- und Apothekenbesuch lehrt Selma Veyisoglu heute. Das Knifflige dabei: Die Frauen - allesamt über 50 Jahre alt - kämpfen nicht nur mit der Schreibweise der türkischen Worte, sondern gleichzeitig mit deren deutscher Übersetzung.

„Eigentlich wollten die Frauen Deutsch lernen", berichtet Nimet Leone vom türkisch- islamischen Kulturverein. „Doch das geht nicht, ohne lesen und schreiben zu können." Der Verein beschloss daher, an die Wurzel des Problems zu gehen und rief im Rahmen des Förderprogramms, finanziert vom Bundesministerium für Familie und Soziales und der Europäischen Union, einen Alphabetisierungskursus ins Leben. Der Integration und Förderung sozial Benachteiligter sollen die Projekte dienen. „Wenn ältere Frauen Deutsch lernen, ist das auch ein Stück Integration", findet Nimet Leone.

Im Frauenraum der Ayasofya-Moschee informierte der Verein über den Kurs - Werbung machen musste er nicht. Immer wieder waren türkische Frauen in der Vergangenheit auf Nimet Leone zugekommen und hatten sich nach Unterricht erkundigt. „Wir könnten noch einen zweiten Kursus anbieten", so groß ist die Nachfrage. Seit einem halben Jahr kommen die Frauen - fast ausnahmslos leben sie in der Bolzstraße - zweimal in der Woche in der Eugen-Bolz-Schule zusammen. In einem kleinen Klassenraum sitzen sie an den Schulbänken, die Köpfe über ihre Hefte gebeugt, im Wechsel schreiben sie neue Worte an die Tafel. „Wir haben uns bewusst dagegen entschieden, den Unterricht in der Moschee zu machen", sagt Nimet Leone. Die Frauen mögen die Schul-Atmosphäre im Klassenzimmer.

Fast keine von ihnen hat als Kind regelmäßig eine Schule besucht. „Das war für Mädchen nicht gang und gäbe", erklärt Nimet Leone. Einige haben bis zur zweiten Klasse Unterricht gehabt, andere sind nie zur Schule gegangen - nicht ungewöhnlich für Mädchen, die in ländlichen Gegenden der Türkei aufwuchsen. Später, in Deutschland, stand für alle Frauen über Jahre hinweg die Familie im Vordergrund. „Sich selbst haben sie nicht wichtig genommen", und auch nicht ihre Wünsche - etwa den, Deutsch zu lernen. „Die Frauen mussten erst einmal einsehen, dass sie das für sich durchziehen müssen."

Lesen und Schreiben kommt einer Befreiung gleich

Gut 20 Jahre leben die meisten der Kursteilnehmerinnen in Deutschland. Jahre, in denen sie kaum Deutsch sprachen, es nicht lesen konnten und nur wenig verstanden. „Das ist bedrückend", findet Nimet Leone. Eine Befreiung sei es daher für die Frauen, sich Silbe für Silbe den Zugang zu einer völlig neuen Welt zu verschaffen. Mit jedem neuen Satz fügen sie ein weiteres Stück zu dieser Welt hinzu. Der Erfolg beim Lernen macht die Frauen zufrieden. Stolz präsentieren sie ihre Schreibhefte - ein Schmierheft und eins für die Schönschrift. Auch ihre Lehrerin ist überaus zufrieden: „Sie kommen regelmäßig, und es ist eine ganz tolle Gruppe", lobt Selma Veyisoglu ihre vorbildlichen Schülerinnen: Sie üben zu Hause und machen Hausaufgaben. In den Pausen haben die Frauen die Gelegenheit, Probleme anzusprechen oder aktuelle Themen zu diskutieren. Der Alphabetisierungskursus wird ergänzt durch mehrere Beratungstage, in denen es beispielsweise um medizinische Themen wie das Verhalten bei Zuckerkrankheit oder um Schulbildungsfragen geht.

Bis Juli ist das Fortbestehen des Kurses gesichert, so lange läuft die Förderperiode des Projekts "Lokales Kapital für soziale Zwecke". Noch weiß Nimet Leone nicht, wie es dann weitergeht. „Offiziell haben wir noch kein Okay für eine Zustimmung." Auf diese hofft sie sehr, „denn wenn wir jetzt aufhören, wäre das So schade nach dem guten Anfang". Zumal sie es für einen sinnvollen Weg hält, in Sachen Integration bei den Frauen anzusetzen. „Sie sind es, die Wissen weitervermitteln."

Voraussetzung dafür ist es, auch sprachlich in Deutschland anzukommen. Der Alphabetisierungskursus begleitet die Türkinnen auf diesem Weg - und birgt für die Frauen aus der Weststadt eine Menge Premieren. Eine der Schülerinnen hat neulich zum ersten Mal verstanden, was der Arzt ihr erklärt hat. Und Güler Karaca hat zum ersten Mal eine Postkarte geschrieben - an ihre Tochter in der Türkei. Als diese die Karte aus dem Briefkasten nahm, brach sie in Tränen aus.

Gaby Mayer-Grum

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